IVEN KRUSE

KNICKS -  NIJAHRSKOKEN - TUTANKHAMEN


KNICKS.
Offener Brief an einen holsteinischen Landrat.
Sehr geehrter Landrat!
Ich war in der Weihnachtswoche des vergangenen Jahres, wie immer, wenn ein paar Ferientage in Aussicht stehen, in meinem Heimatdorf. Nichts verpflichtet mich ihm mehr als die Erinnerung an die Jugend und an die Menschen, die mich erzogen haben: Menschen von Gemüt und von geschlossenem Charakter. Und obgleich ich seit etwa einem Jahrzehnt immer die Erfahrung wiederhole, daß ich von dort fast nichts mehr als das Gefühl bitterer Enttäuschungen mit auf die Rückfahrt nehmen kann, werde ich diese Fahrten wohl wiederholen, solange mich nur noch ein Hügel, ein Heckenpfad an mein einstiges Jungsparadies erinnert. Auch Enttäuschungen können in gewissem Sinne bereichern, wie Storms Windenritornell beweist:
Die Spur von meinen Kinderfüßen sucht' ich
An eurem Zaun und konnte sie nicht finden.
Aber - wäre es nur die Spur meiner Kinderfüße, die inzwischen verweht und vergangen ist! Es ist jedoch viel Dauerbareres, das spurlos verschwinden mußte. Die Wandlungen, die das kleine Dorf seit meiner Kindheit erlitten hat, sind unglaublich. Zuerst waren sie zaghaft, unbedeutend, zu verschmerzen. Aber seit dem letzten Jahrzehnt gleichen sie Verheerungen. Schon in diesem Wort liegt es, daß sie auch Verhäßlichungen sind, ausschließlich Verhäßlichungen.
Ich will hier nur einzelnes flüchtig berühren, um dann bei dem Thema zu verweilen, das mir besonders am Herzen liegt.
Von den alten Bauernhäusern niedersächsischer Bauform steht nur noch eines - und auch bei diesem muß man sich fragen: wie lange noch? Da das zugehörige Land von dem letzten Besitzer an Parzellanten verkauft ist, hat es seine Bedeutung verloren. Ein pensionierter Gerichtsschreiber aus Westfalen hat es erworben und will in ihm eine Geflügelzüchterei betreiben; ein Bauernhaus ist es also schon nicht mehr. Alle anderen Bauernhäuser haben sich in fürchterliche, mit Teerpappe gedeckte Riesenkästen verwandelt, die mit herausfordernder Deutlichkeit das Schwinden alles poetischen Lebensinhalts, ein Aufkommen nüchterner Nützlichkeitsberechnung und damit eine zunehmende erschreckende Verödung des Daseins auch auf dem Lande - das den Städtern noch immer als Heimstätte Vossischer Idyllen gilt - beweisen.
Ein alter Buchenwald in der Nähe des Dorfes ist abgeholzt und durch Tannenpflanzung ersetzt - System Linienblatt -. Neuerdings sind nun auch alle alten Bäume der Feldflur niedergeschlagen. Es war manche breitschattende Buche, manch alte Eiche darunter, die schon seit Jahrhunderten Hirt und Herden zum Regenschutz und zur Mittagsrast in der sengenden Sommerhitze gedient hatte. Grund: die Besitztümer gehen seit Jahren von Hand zu Hand und werden fast nur noch mit der Absicht der Ausnutzung und der baldigen Wiederveräußerung erworben; erworben nicht von Landeskindern, sondern von jenseits der Elbe eingewanderten Neusiedlern, meist Ostfriesen. Nur zwei der Bauernhöfe sind noch im altangestammten Besitze; ihre Eigentümer hängen noch an ihrem Erbe. Die einheimischen Familien der anderen Höfe sind längst in der Stadt zerflogen und zerstoben.
Noch ärger sieht es mit den Tagelöhnerfamilien aus. Wie die verschwundenen Bauern kannte ich auch die "Insten" einst: es waren sämtlich urgesessene Holsteiner, stolz auf ihre Heimat, für die mancher von ihnen 48 und 49 als Jüngling ins Feld gezogen war. Sie sind weggestorben und ihre Kinder in die Städte gegangen: nach Neumünster, Kiel und Hamburg. Die jetzt in den Kätnerhäusern wohnen, sind nicht Landeskinder mehr: es ist viel polnisches, russisches, galizisches Volk darunter. Die Slawen, deren sich die Holsteiner einst in langen Kämpfen entledigten, wandern zurück.
Ein Gutsherr der Nachbarschaft, der auch kein Landeskind war, erwarb einen großen Besitz, der erbteilungshalber verkauft werden mußte. Er wollte besonders den Zuckerrübenbau pflegen und hielt die alte holsteinische Ackereinfassung der buschbestandenen Erdwälle - man nennt sie bekanntlich "Knicks" ? für sehr unpraktisch. Er ließ sie deshalb sämtlich ausroden. Viel genützt hat ihm dieser Frevel an der alt-holsteinischen Landschaftsgestaltung nicht, denn er hat das Gut doch nicht halten können und ist seit Jahren wieder aus der Gegend verschwunden. Aber er hat die Feldflur seines Gutes während seiner kurzen Inhaberschaft in eine öde eintönige Getreidesteppe verwandelt und - er hat Schule gemacht. Ein anderer ihm benachbarter Gutsinhaber, der infolge seiner Mittel seßhafter sein wird, folgt jetzt seinem Beispiel, und da seine Feldflur an jene meines Heimatdorfs grenzt, haben schon die durch ihn verfügten Rodungen ihre Landschaft vielfach verändert. Aber nicht genug damit: er hat auch die Bauern meiner Heimatgemeinde angesteckt. Auch sie finden, daß sie durch die Rodung der Knicks an Land gewinnen und daß die Ackerstücke sehr gut durch Stacheldrahtzäune voneinander getrennt werden können. Die Wirkung ist furchtbar. Die Eintönigkeit der bis in die letzte Ecke ängstlich und ausbeuterisch bebauten Ebene, wie sie uns in der Umgebung Braunschweigs und Magdeburgs so sehr entsetzt, wird bald auch in Holstein einkehren, wenn dieser Verwüstung nicht noch Einhalt getan werden kann.
Die Knicks sind bekanntlich Hasel- und Buchenhecken, zum Teil mit Schleh- und Weißdorn, Hollunder- und Weidenbüschen untermischt. Sie wachsen auf Erdwällen, deren Abhänge vom anmutigsten Blumendurcheinander bedeckt zu sein pflegen. Da dem Lande jeder ausgedehntere Wald fehlt, liefern sie dem Bauern einen großen Vorrat von Brennholz, denn sie werden im Sinne der Saatfolge "geknickt". Außerdem bieten sie den zahlreichen Vögeln des Landes, den Gensdarmen der Insektenwelt, die beliebtesten Nistplätze, und da sie auch die Landstraßen und Feldwege abgrenzen - die letzteren in sogenannte »Redder« verwandelnd - bieten sie den Passanten oft erwünschten Wind- und Wetterschutz. Die Ackerteilung des Landes ist keinesweges nach geometrischen Regeln vorgenommen, deshalb gewinnt die Landschaft durch die Knicks einen eigentümlich wechselvollen Ausdruck, um so mehr, da sich die großen "Schläge" der adligen Grundbesitzer zwischen den bescheideneren knickumgebenen "Koppeln" der Bauern breit macht.
Die heutigen Zerstörer des alten und bewundernswerten Kulturwerks der Knicks machen sich keinerlei Gedanken darüber, was sie vernichten. Vielleicht - obwohl erwiesen sein soll, daß die holsteinischen Knicks nicht über dreihundert Jahre alt sind - könnte man dennoch Vergleiche zwischen den Hecken der Engländer und den Knicks ihrer Nachfahren in der schleswig-holsteinischen Urheimat der Angelsachsen anstellen: zwischen den englischen "lanes" und "hedge rows" und den holsteinischen "Reddern" und "Knickwegen". Jedenfalls behandeln unsere britischen Vettern ihre überkommenen Landschaftseigentümlichkeiten viel pietätvoller als wir; ich war voll Überraschung, als ich auf einer Fahrt durch Niederschottland die mir so wohlbekannten Knicks und ihre charakteristischen Hecktore wiederfand und die Leute auf mein Befragen, ob sie die Entfernung dieser Hecken nicht praktischer fänden, mich voll Verwunderung anschauten. Was wußten sie nicht für Gründe anzuführen, die ihnen ihre Hecken wert machten: der Holzgewinn spielt darunter nicht einmal die erste Rolle.
So pietätvoll-verständig sind leider die Bauern meines Heimatkreises nicht. Auf meiner diesmaligen letzten Weihnachtsfahrt sah ich zu meinem Entsetzen am Wege von der Bahnstation nach Hause streckenweise den Knick niedergelegt und das Land bloß und nackt vor mir. An einer anderen Stelle fand ich die Leute gerade mit der Abwrackung eines alten Knicks beschäftigt. Auf meine Frage nach dem Grund erhielt ich die Antwort, es geschehe auf Anregung der Behörde; jene Bauern, die auf diese Anregung eingingen, erhielten für den Meter Knicklänge noch eine Vergütung von 50 Pf. Die Behörde leistet also dieser Vernichtung einer alten und reizvollen Landeseigentümlichkeit Vorschub, indem sie den nur schon allzusehr ausgeprägten Erwerbssinn der heutigen Bauern anstachelt? Es soll das in gedachtem Kreise geschehen, weil in ihm die Beschaffenheit der Wege sehr schlecht ist; es heißt, daß die Knicks, wie zur Entschuldigung ihrer Entfernung angeführt wird, ihre rasche Abtrocknung verhindern. Aber im Nachbarkreis, dessen Landrat die Knicks zu schonen sucht, sind die Wege von viel besserer Beschaffenheit: das liegt am Wegebau, der in meinem Heimatkreis, in dessem Landtag der vielfach kulturhemmmende Großgrundbesitz überwiegt, vernachlässigt wird. Wo den Fahrdämmen die rechte Gestaltung und Härte gegeben wird, läuft das Regenwasser auch unter Beibehaltung er Knicks rechtzeitig in die Seitengräben.
Ich kann nicht ausdrücken wie sehr jene Auskunft mein heimatstolzes Gemüt bedrängt. Wie kurzsichtig ist doch dies Verfahren! Anderenorts tritt die Behörde neuerungssüchtigen Landleuten gegenüber für den Heimatschutz ein. Vielfach freilich vielleicht erst da, wo man mit der alleinigen Berücksichtigung der "Rentabilitätsberechnung" trübe Erfahrungen gemacht hat. Das sogenannte Verkoppelungsverfahren in der Provinz Hannover kann z.B. keineswegs zu weiteren pietätlosen Eingriffen in die alte Gestaltung der heimatlichen Landschaft ermutigen, denn die alleinige Rücksicht auf die Nützlichkeitserwägungen hat sich dort schwer gerächt und der so viel beklagten Landflucht großen Vorschub geleistet. Der so oft als "praktisch" bezeichnete Bauer ist freilich sogenannten »praktischen« Vorschlägen sehr geneigt, heute mehr als je, weil auch er wie alle Welt von der Erwerbsgier beherrscht wird. Aber tiefinnerst besitzt er doch, mag es auch im Unbewußten wurzeln, ein Gefühl für seine alte Heimat, insonderheit natürlich da, wo es sich um langvererbten Besitz handelt, und wenn dies Gefühl nach all den allein aus Nützlichkeitsrücksichten erfolgten Wandelungen seine Befriedigung nicht mehr findet, ergreift ihn ein dumpfes Unbehagen, und die Folge ist ein leichteres Aufgeben der verhäßlichten Heimat. Schon heut siedeln sich, wie gesagt, mehr und mehr Landfremde in Alt-Holstein an, gewiß ehrenwerte Leute, gegen die nichts gesagt sein soll. Aber sie haben natürlich kein sonderlich tiefgehendes Gefühl für ihre neue Heimat, und die Besitztümer wechseln ruhelos ihre Herren; Parzellanten- und Spekulantentum greifen mehr und mehr um sich: in meinem Heimatdorf sind im letzten Jahre nicht weniger als drei Stellen »verparzelliert. Daneben macht sich mehr und mehr das sogenannte »Manschettenbauerntum« breit; seine Vertreter sind meist jüngere Bauern, die auf der Landwirtschaftsschule ihr Fach studiert haben und nun ihre Weisheit, die einseitige und kurzsichtige Nützlichkeitsweisheit ist, in überstürzter Weise erproben wollen; Bauern, die überdies nicht mehr gern die eigene Hand anlegen, weil sie dann ihre "Röllchen" schmutzig machen würden. Diese Landwirtschaftsschulen sind in ihrer Art für die Bauern ebenso verhängnisvoll geworden, wie die Baugewerbeschule für die ländliche und auch städtische Architektur.
Eines fehlt unserem Lande, wie vielen anderen deutschen Gegenden: die bewußte und ernsthafte Pflege der Überlieferung, die Kenntnis der Landesgeschichte, die einem die Heimat erst wert macht. Schon als ich die Dorfschule besuchte, war von der Geschichte der engeren Heimat wenig die Rede; wie viel schlimmer mag es seitdem geworden sein! In meiner Kindheit waren die Lehrer meistens noch Einheimische, jetzt sind es vielfach Landfremde, die ihre neue Heimat eben nur als Brotstelle ansehen. Auch die Bildung der Kinder und der heranwachsenden Jugend ist einseitige Nutz- und Fachkultur. Ja, wenn sie, wie in Dänemark, mit der Pflege der vaterländischen Überlieferung Hand in Hand ginge! Aber was weiß der holsteinische Bauer von seiner Heimat und von seiner Landesgeschichte? In der Regel nicht mehr, als die Kühe, die auf seiner Feldflur grasen. Es ist ein Jammer. So konnte es fast ohne Aufsehen geschehen, daß eines der wichtigsten Denkmäler der Landesgeschichte, der sagenberühmte Köhnsberg bei Bornhöved, von dem Besitzer der Koppel, auf der er sich befindet, fast ganz abgetragen wurde; nur ein trauriger Rest blieb erhalten. Der Köhnsberg ist ein Hühnengrab; von seiner Kuppe aus soll Waldemar der Sieger seine Heeresmacht in der berühmten Schlacht bei Bornhöved (1227) geleitet haben. Derartige Eingriffe wären in Dänemark unmöglich. Und das ist um so betrüblicher, als die führende Rolle, die Dänemark heute in der Landwirtschaft spielt, auf holsteinisches Lehrmeistertum zurückgeht. Aber Schleswig-Holstein hat eben keinen Grundtvig gehabt: und so haben sich die Holsteiner von den einstigen Schülern weit überflügeln lassen müssen.
Woran es in Holstein fehlt, fehlt es in vielen anderen Landesteilen auch und unwillkürlich muß der Wunsch erwachen, daß alle die vielfachen Heimatschutzbestrebungen über eine bloß sentimentale Pflege der Volkssprache und der Volksüberlieferungen emporwachsen möchten, bevor es zu spät ist. Die Wirkungen Klaus Groths und Fritz Reuters mußten verpuffen, weil sie nur die Sprache und nicht die gesamte überlieferte Kultur ins Auge faßten. Manche werden freilich einwenden, daß das Deutsche Reich eine Größe sei, dem jede Region ihre Individualität zum Opfer zu bringen habe. Aber diese Nützlichkeitsauffassung ist sehr kurzsichtig und völlig undeutsch; dauernde Kraft und dauernde Treue können nicht dadurch gesichert werden, daß man versucht, die Besonderheiten die das Ergebnis der Geschichte einer Gruppe und seiner religiösen und sozialen Entwicklungsbedingungen sind, in ein dogmatisches System hineinzuzwängen oder zu einem einzigen Typus umzuformen, sondern im Gegenteil durch die Anerkennung der Tatsache, daß eben diese Besonderheit einen wesentlichen Teil des Lebens einer Nation bildet und daß sie unter weiser Leitung und unter sympathischer Behandlung jedes einzelne Brauchtum befähigen werden, seinen eigenen Teil zu dem gemeinsamen Reich beizusteuern und seine eigene besondere Rolle in seinem Leben zu spielen. Auch für das einzelne Brauchtum gilt Goethes Wort von dem Wert der Persönlichkeit.
Ein Landrat hat sicherlich einen schönen und vornehmen Beruf; des Landes Rat soll er sein. Ich kenne Sie nicht, verehrter Herr Landrat, aber ich will nicht glauben, daß Sie mit den im Verlauf meiner Ausführungen geschilderten Wandlungen einverstanden sind. Es mag ja sein, daß die Knicks einige Schattenseiten haben, im engsten, wie im weiteren Sinn; aber sie haben, wie ich gezeigt zu haben glaube, auch einige sehr schätzenswerte Vorzüge: sie ersetzen dem Lande den Wald, sind Windschutz, Viehwehr, Vogelniststätten, Holzlieferanten - und ob das Land, daß die Bauern mit ihrer Entfernung gewinnen, sie für diese Vorzüge einigermaßen entschädigt, scheint mir sehr fraglich. Ferner: sie geben dem Lande einen eigentümlichen Reiz, den es um so nötiger hat, als die Verunstaltung der Dörfer durch veränderte Bauweise der Bauernhäuser einstweilen noch immer weiter um sich greift. Sah ich doch während meines Weihnachtsaufenthalts in einem Nachbardorf ein altes Bauernhaus, dessen Dachgestühl, einst mit Stroh bekleidet, in weißblankes Blech gehüllt war, auf dessen Platten noch die Frachtbezettelung der Bahn klebte: ein Anblick von so grotesker Häßlichkeit, daß sich jedes empfänglichere Gemüt verletzt und empört abwandte. Doch auch auf diesem Gebiete könne verständiger Rat viel zum Besseren wandeln, um so mehr seit das Gernetzdach erfunden wurde.
Ich weiß nicht, ob diese Äußerungen auf Verständnis stoßen. Aber ich will mich nicht durch diese Befürchtung zu ihrer Unterdrückung bewegen lassen. Ich meine, daß den Heimatschutzbestrebungen gerade durch die so einflußreichen Landräte aller mögliche Vorschub geleistet werden müßte. Ein gutes Wort findet einen guten Ort, sagt das Spichwort - daß meine Worte ihn bei Ihnen finden möchten, ist meine stille Hoffnung. Manches ist schon versäumt, vertan, verloren, aber Vieles ist noch zu retten: möge es gerettet werden!
In vorzüglicher Ergebenheit
Blankenese, Ende Dezember 1911.
Iven Kruse.
[Aus: 'Brocken und Krumen', Wankendorf 2000.]

NIJAHRSKOKEN

Weihnacht und Neujahr sind vorüber. Der Dreikönigstag hat die »Zwölften« abgeschlossen. Der graue Alltag hat wieder das Regiment. Es ist lastender als je ...
Es ist etwas ganz Geringes und Bescheidenes, von dem hier erzählt werden soll. Ein Kuchen; was will das viel sagen Eine Sitte unseres Bauernvolks aus den »Zwölften«; es sind wichtigere Dinge, die zugrunde gegangen sind. Und doch: auch die kleinste Scherbe vermag Himmel und Sonne und Regenbogen zu spiegeln!
Meine Kinderzeit liegt über vier Jahrzehnte zurück. Damals standen Dorf und Land noch bei weitem nicht so stark unter dem Einfluß städtischen Wesens als heute. Ich mußte daran denken, als wir den diesjährigen Christbaum nach alter Sitte mit seinen »Lexen« und »Netzen« schmückten. Die hatten wir selber herstellen können. Aber schmerzlich vermißten wir, wie schon manche Weihnachten zuvor, die bunten Kuchen, mit denen man in meiner Jugendzeit die Zweige des Christbaums behing: die »Kindjees-« oder »Wihnachpoppen«. Sie waren aus Braunem- oder Weißenkuchenteig geformt, mit Fruchtsaft (Rotebeet- oder Kirschsaft) bemalt, teilweise mit weißem Zuckerguß verziert und mit Goldschaum beklebt. Die von altersher überall wiederkehrenden Figuren waren: Adam und Eva, Reiter zu Pferde, Pferd, Hirsch, Schwein (Frehrs Eber?) und Hase (Kutsche, Mühle, Schiff, Tabakspfeife waren jüngere Gebilde). Dies Figurenbrot - ach, der heutige buntglitzernde Glasschmuck und der sonstige sinnlose Christbaumzierrat ersetzen es mir so wenig, wie das sog. »Engelshaar« die zierlichen Gebilde der selbstverfertigten Lexen und Netze aus farbigem Papier!
Und plötzlich tauchte das Wort »Nijahrskoken« in meinem sinnenden Hirn auf. Ich sah mich als kleinen Knaben wieder vor dem flackernden Feuer auf dem altehrwürdigen offenen Herde im Hause meines Großvaters stehen, das noch ein Musterbau altniedersächsischer Bauart war, und das Eisen, in dem sie gebacken wurden und das einem Waffeleisen glich, aber ungefüger war, fortwährend in die Glut geschoben werden. Nach diesem Eisen hießen die Kuchen, in der Form den sogenannten Karlsbader Oblaten gleichend, auch wohl »Isenkoken«. Meistens wurden sie aber »Nijahrskoken« genannt, denn dies Backwerk stellte man damals nur in der Zeit der Zwölften her. Der Teig war höchst einfach, der bestand nur aus gesiebtem Roggenmehl und Syrup mit einem Zusatz von Pottasche. Das Eisen glich, wie schon vermerkt, dem Waffeleisen, aber es hatte flache, tellerförmige Platten statt der gefensterten Rechtecke. Die im Hause meines Großvaters benutzten Eisen stammten, soweit mir erinnerlich, alle aus der Mitte des 18. Jahrhunderts; eines trug in der Platte die Inschrift »Soli Deo Gloria« und die Jahreszahl 1754; die andere Platte wies eine bildliche Darstellung, ein springendes Roß, auf. Sie waren, ersichtlich mit dem Streben nach künstlerischer Wirkung, nach alter Überlieferung in der Dorfschmiede hergestellt. Die Platten wurden mit einer Speckschwarte oder mit zerlassener Butter gefettet, dann wurde ein Löffel voll Teig darauf getan, das Eisen geschossen und so in die Kohlenglut geschoben. Der Tag des Backens war ein Fest ? nicht nur für uns Kinder, sondern für alle Hausgenossen. Denn jeder von ihnen bekam etwa ein Stieg dieser Kuchen (20 Stück); auch wurde an Nachbarn und Freunde davon verschenkt. Am Tage das Backens boten sie trotz des einfachen Teiges einen Hochgenuß, denn sie waren noch »kroß«; später wurden sie zäh wie Leder, büßten aber für unverwöhnte Gaumen nichts von ihrem Wohlgeschmack ein. In späteren Zeiten, als auch der bäuerliche Gaumen anspruchsvoller wurde, verfeinerte man den Teig vielfach.
Johanna Mestorf, die unvergeßliche Leiterin unseres Museums für vaterländische Altertümer, hat in einer dem landesüblichen Backwerk in Schleswig-Holstein gewidmeten interessanten Arbeit bemerkt, daß diese Kuchen nur in dem Dorfe Wankendorf in Holstein hergestellt worden seien, wo sie ? vor etwa 3 Jahrzehnten - in den Bauernhäusern noch die zu ihrer Herstellung erforderlichen Backeisen aus dem 16. und 17. Jahrhundert gesehen habe, die bald darauf alle an fahrende Händler verkauft seien. Das ist ein kleiner Irrtum. Es mag nur ein kleiner Bezirk Holsteins gewesen sein, wo »Neujahrskuchen« noch in der Gegenwart üblich waren, aber ich weiß, daß man sie in allen Dörfern des damals noch unzerteilten Kirchspiels Bornhöved backte und daß die Sitte sich in einzelnen Häusern bis auf unsere Tage fortgeerbt hat, wenn jetzt auch der Teig meist aus Weizenmehl hergestellt und mit mehr Würzmitteln versetzt wird. Es sind also auch in diesen Häusern noch die Eisen vorhanden: möge man sie festhalten und wertschätzen.
Denn sie sind kulturhistorisch außerordentlich bedeutsam. Ein Kindervers behauptet bekanntlich, daß zum Backen »sieben Sachen« gehören, aber diese Siebensachen stammen schon aus einer entwickelteren Kultur; für die »Nijahrskoken« kamen nur drei Sachen in Betracht: Syrup (ursprünglich wohl Honig), Mehl und Fett. Ist es zu kühn, wenn wir annehmen, daß sie direkt von den Opferkuchen aus heidnischer Zeit abstammen? Dafür spricht nicht nur der primitive Teig, sondern auch die runde Form der Kuchen, der eine Nachbildung der Sonnenscheibe sein dürfte; auch gab es kaum eins der Eisen, in dessen Plattengravierungen nicht eine kleine strahlenumgebene Sonne vorkam. Sodann spricht die Zeit des Backens - die »Zwölften«, die Lage der Wintersonnenwende - dafür. Und gleich geformte, ähnlich hergestellte Kuchen gab es durchaus nicht nur in Holstein oder gar nur in Wankendorf. Die Karlsbader Oblaten haben wir schon erwähnt; es möge auch an die fränkischen Hohlhippen erinnert werden; von der Grenze Böhmens also reichen diese Kuchen bis nach Schweden, wo sie auch noch heute gebacken werden. Dort werden sie »Raa« genannt, von denen es zwei Arten gibt: tunn raa, dünne raa, und die feinere, goraa (was in Nordschleswig mißverstanden und mit god raad »guter Rat«, übersetzt wurde.) Auch das Gerät für die Herstellung der in der unseren heidnischen Vorfahren heiligen Herdglut gebackenen dünnen runden Kuchen scheint eine uralte Backform zu sein.

Ein Kuchen: was will das viel sagen? Und doch: kann es nicht viel und Bedeutsames erzählen?
Wie öde sind unsere Dörfer geworden, seitdem »Fortschritt« und »Aufklärung« all die alten, ehrwürdigen Sitten und Bräuche gegenstandslos machten, die den Wechsel der Jahreszeiten umrankten und zumeist aus uralter Zeit stammten! Statt sie abzuschaffen, hätte man ihren Sinn nachforschen und sie dadurch neu heiligen sollen.
[Auszug aus dem Buch 'Brocken und Krumen', Wankendorf 2000]

 



TUTANKHAMEN

Kultur? Nie ist das Wort mehr gebraucht worden, als in unserer Zeit. Aber was es bedeutet, ist tot und eingesargt. Lebendig war es, als Dome, Paläste und Rathäuser gebaut wurden. Auch heute werden solche Bauwerke noch errichtet ? nach alten Muster. Aber die für unsere Zeit bezeichnendsten Gebäude sind Riesenbahnhöfe, Fabriken und Museen.
Aber die Museen - sind sie nicht Kulturdenkmäler ersten Ranges?
Zweifellos, wir verdanken ihnen viel. Sie entreißen herrliche Kunstwerke dem Privatbesitz oder schwer zu erreichenden Schlupfwinkeln, und nicht selten retten sie sie vor dem Untergang. Wenigstens vorläufig. Denn es lauern auf sie auf dem unaufhörlich vibrierenden Boden der Großstadt neue Gefahren. Ist die Einwirkung der modernen Heizung und Beleuchtung genügend festgestellt? Führt nicht manchmal schon der Wechsel des Klimas langsame Auflösung herbei? Es sei an Layards Ausgrabungen für das britische Museum erinnert. Unter der Sonne des Südens hatten die assyrischen Monumente Tausenden von Jahren getrotzt. In den feuchten Nebeln Londons droht ihnen langsame Verwitterung. Schon heute bieten uns ihre Berliner Abgüsse aus guter Zeit mehr als die Originale. Immerhin: noch nie gab es einen solchen Überblick über die ganze Welt und ihre Schön-heit. Wir danken ihn den Museen. Sie sind Bildungsinstitute ersten Ranges, Hochschulen für Kunst und Wissen-schaft. Und gleichsam die Priester in diesen Hallen sind der Direktor und seine Assistenten. Unter ihrer Leitung haben die Schätze sich vermehrt, jeder einzelne Gegenstand steht in einem fast persönlichen, ich möchte sagen »Gemütsverhältnis« zu ihnen, und ein leicht begreiflicher Ehrgeiz sucht die einzelnen Abteilungen möglichts vollständig zu machen. Aber - große Kunst gab es eigentlich nur in Zeiten, die das Museum noch nicht kannten.
Kürzlich ist die Mumie des Pharaos Tutankhaman ans Licht gezerrt worden. Man läßt die Toten nicht ruhen. Widerwillig tun Felsengräber sich auf, und was Ehrfurcht und Liebe einst für die Ewigkeit in die Erde gebettet zu haben glaubte, reißt pietätlose Sammelsucht wieder in unsern geschwätzigen Alltag hinein. »Verflucht sei, wer an meine Gebeine rührt!« ruft Shakespeares Grabschrift uns zu. Aber wer kehrt sich daran! Der moderne Mensch besitzt einen geschliffenen, von keiner Ehrfurcht abgestumpften Verstand. Und ein wortgewandtes Geschlecht bekleidet seine Urtriebe - Neugier und Raub - mit den blendenden Worten: »Bildung und Wissenschaft.« Kultur? Die große Kunst Ägyptens wanderte aus der Werkstatt sofort unter die Erde in die Mastabas, die unterirdischen Grabkammern. Denn der namenlose Künstler schuf für Götter und Tote. Er wendete sich mit seinem Werk so wenig an das Lob der Öffentlichkeit, wie man schaubetet für Geld auf dem Markte. Jahrtausende haben die Pharaonen in den Tiefen der Erde geschlafen. Dann kamen die räuberischen Beduinen. Und den Räubern folgten die Archäologen. Nun werden die Könige aller Welt im Museum zur Schau gestellt. Und jeder Tourist kann in die geöffneten Grabkammern hinabsteigen. Tutankhamen ist ja nicht der erste Pharao, der entdeckt wurde. Schon lange liegt Amenophis IV. in seinem offenen Sarkophag, grell beleuchtet von einer elektrischen Lampe, die gerade über der, höchst unköniglich, nicht vorhandenen Nase angebracht ist ...
Zweifellos gehören die Archäologen zu den anziehendsten und gebildetsten Menschen, die es heute gibt. Und sie zerstören wenigstens nur, um zu erhalten. Aber dann kamen, gerade auch in Ägypten, die Ingenieure und die Kaufleute. Und vor der Vermessungswut und dem Regulierungseifer der Ingenieure rettet eine Landschaft weder Schönheit noch Geschichte. Sie möchten am liebsten die ganze Erde neu schaffen und, nach ihrer Ansicht, verbessern. Nur widerwillig lassen sie zu, daß hier und da sog. »Naturparks« entstehen, die einen Rest der alten Natur in unverfälschter Schönheit weiter bestehen lassen sollen. Was sind diese Parks anderes als - Museen? Amerika fing mit seinem Yellowstone-Park an und zahlte damit den Tribut, der den Yankees nach ihrer Meinung erlaubte, den Rest ihres Kontinents um so gründlicher zu entwalden, zu - kultivieren. Auch Deutschland hat einzelne derart befriedete Gebiete. Aber gerade sie zeigen, daß längst das alldurchflutende Lebensgefühl verengt wurde auf die Fortschrittsbahn rein materialistisch-mechanischer Zivilisation. Dafür aber droht sie, die ganze Welt zu umfassen und alle urtümlichen Kulturen, wo sie noch bestehen und blühen, in ihre Netze zu ziehen und sie zu zerstören. Ein in früheren Zeitaltern nie denkbares Schicksal von unerhörter Großartigkeit und Furchtbarkeit vollzieht sich in unserer Zeit: die Herrschaft der Geschäfte über die ganze Erde mit ihrer Kultur der Materie, die uns alles ermöglicht, was den Alten unerreichbar blieb, die der Natur alle Geheimnisse abringt, jedes Rätsel in Zahlen auflöst und die Welt mit Drähten regiert; eine Herrschaft, die weder Respekt vor den Toten, noch ? was noch erschütternder ist - vor dem Leben hat.
Eine grausam unerbittliche Maschine walzt die moderne Zivilisation dahin über Sage und Traum der Völker des Erdballs, über Sonnen- und Sternenglauben, Baumkult, Feldkult, fromme Einfalt, Sinnbild, Sitte, Brauch, Sang und Lied. Längst hinweggewischt und geschwunden ist die große Tierwelt Europas: Auerochs, Wisent, Bär, Luchs, Wolf, Elch Biber, Otter, Nerz. Von mehreren tausend Vogelarten blieben wenige hundert übrig, und jetzt scheinen auch Storch und Hausschwalbe auf dem Aussterbeetat zu stehen. Zu dem Frevel am Tier tritt der Frevel an Aue und Wald. Die Welt ward grau in Europa und Amerika, ein wohlbestelltes Schachbrett der »Kultur« entstand, und die europäischen Kolonisationsbestrebun-gen suchen auch die anderen Erdteile nach diesem Muster zu gestalten. Die Geschichte der Siedelungen Europas in ihnen, der britischen in Indien, auf Ceylon und in Singapore in Hongkong, Australien und in Kanada, in Ägypten und Südafrika, der spanischen und französischen in Mexiko und Südamerika, in Afrika und Hinterindien, der niederländischen auf den Sundainseln - was ist sie? Eine Kette rücksichtsloser Vergewaltigungen und Erpressungen ? unter dem Namen »Kultur«. Der weiße Europäer, das Bleichgesicht, steht seit etwa 400 Jahren im Begriff, sich die gesamte Erde zu unterwerfen. Die Zeit ist nahe, wo die letzten »Naturvölker« allesamt vor der europäischen Zivilisation dahinschmelzen. Die Welt ihrer Götter und Dämonen, ihrer Religion und ihre Kultur gilt uns als Aberglaube. Wir blicken auf die kindliche Handschrift ihrer Lebensformen hochmütig herab und spüren nicht das Herz, das in ihnen schlug. Nur als unwissende Vorstufe unserer eigenen zweifellosen Welterklärung findet der heidnische Mythos mit seinen phantastischen Göttern noch eine gewisse gutmütige Anerkennung in den Kreisen gelehrter Mythologen und Folkloristen. Und dabei sind uns manche dieser Völker in der Geschlossenheit und Würde der von ihnen entwickelten Kultur unzweifelhaft überlegen. Wie nannten die Samonaner die kolonisierend bei ihnen eindringenden Deutschen und Amerikaner? »Papalagi« - d.h. »Zerbrecher des Paradieses«.
Östlich von Java liegt die Insel Bali, auf der sich bis in unsere Zeit ein eigenes Volkstum mit einer wahrhaft bezaubernden Kultur erhalten hatte. Im Mai 1904 zerschellte in der Brandung an der Südküste dieser Insel ein kleines chinesisches Segelschiff. Der Eigentümer, ein Chinese, klagte über »Strandraub«. Unter dem ans Land gespülten Gut sollte sich ein Kiste mit 2000 Silberdoller befunden haben. Die Balier schwuren, kein Geld am Strande gefunden zu haben. Man verlangt von dem Fürsten Genugtuung. Er erklärt sich bereit, vor dem Gericht zu erscheinen. Aber mit »Wilden« verhandelt man nicht. Man erklärt ihm den Krieg. Im Herbst 1906 schiffen sich von Java einige tausend Mann europäischer Truppen unter großer Begeisterung des Publikums gegen Bali ein. Einige vergebliche Lanzengefechte überzeugen die Balier von der Nutzlosigkeit eines Widerstandes gegen europäische Bewaffnung, und sie begeben sich auf ihre Reisfelder, um die unterbrochene Arbeit fortzusetzen. Den Truppen wird willig alles gegeben, was sie verlangen. Der Fürst und die Häuptlinge mit ihren Familien aber und alle, die von ihnen Besoldungen und Unterhalt beziehen, entschließen sich zu sterben und bereiten sich seit Tagen in Gebeten auf das »Purutan« d.h. das Ende vor.
Die Truppen nähern sich dem Palast des Fürsten. Einige alte Frauen und die Kranken, die nicht gehen können, sind mit dem Dolch erstochen worden. Dann schießen aus dem Palast Flammen empor. Heraus tritt ein seltsamer Zug: Männer in glänzenden Gewändern, rot und schwarz, mit langwallendem Haar, im Gürtel lange goldene juwelenfunkelnde Kris (d.i. Schwerter). In ihrer Mitte festlich geschmückte Frauen, Blumen im Haar, neben ihnen hunderte von Kindern. Frauen und Kinder tragen den weißen Mantel der dem Tode sich Weihenden. Als letzter erscheint der Fürst auf einem goldenen Stuhl, der von vier Männern getragen wird. Lautlos und langsam bewegt sich der Zug den Truppen entgegen. Etwa hundert Schritt vor ihnen hält er plötzlich an. Der Fürst steigt von seinem Tragstuhl. Ein Schuß aus einem alten Bronzerohr, das zerknallt, gibt das Zeichen. Mit erhobenen Lanzen und gezückten Schwertern stürzt alles in das Schnellfeuer der Repetiergewehre. Die Artillerie feuert ihre Schrapnells in den dichten Menschenhaufen. Die Leichen häufen sich auf und versperren neuen Scharen, die aus dem brennenden Palast treten, den Weg. Voll Grauen schweigt das Feuer der Truppen. Da sieht man einen Mann im Priestergewand mit eisiger Sicherheit den hocherhobenen Kris in die Brust von Männern und Frauen stoßen, die sich um ihn drängen. Er wird niedergeschossen. Ein anderer übernimmt sein Amt. Verwundete erstechen sich selbst oder erweisen Sterbenden diesen Dienst, die, von Granaten zerrissen, es nicht mehr selbst können. Neue Massen kommen näher, singend stürzen sie vor und fallen. Die Soldaten zögern, weiterzuschießen. Da werfen ihnen Frauen einen Regen Goldschmuck und Goldmünzen entgegen: »Hier habt ihr das Geld, wofür ihr kamt!« Sie weisen auf ihre Brust, um dorthin getroffen zu werden.
Der Weg zum brennenden Palast des Fürsten ist frei.
Europa siegte über die - Wilden ...
[Aus: 'Brocken und Krumen', Wankendorf 2000]