IVEN KRUSE

An Detlev von Liliencron - 1.3.1889

Hochgeehrter Herr,
ich bin so frei, mich zu den Schleswig-Holsteinern zu rechnen, die ein Gedicht nicht um eine Brotschnitte »mit recht viel Butter drauf« vertauschen; zu den Schleswig-Holsteinern, die von Brüggemann, Carstens, Hebbel, dem theuren Storm u.v.A. mehr halten, als von der »Engen«burger Rasse - zu den Schleswig-Holsteinern ferner, die, soweit sie die »Adjutantenritte«, die »Sommerschlacht«, die »Flatternden Fahnen« und »Breide Hummelsbüttel« etc. - zu denen ich so oft nach der ersten einen hinreichenden Genuß gewährenden Lectüre zurückkehre, stets von Neuem erquickt und reich belohnt - kennen, in Detlev von Liliencron einen großen und originellen Dichter mit heißer Liebe - nicht mit kalter Achtung - bewundern!
Ja, wenn ich auszudrücken vermöchte, wie sehr ich Sie liebe, bewundere und beneide - den Dichter von Gottes Gnaden, den legitimen Erben Theodor Storms; Und nun finde ich im Januarheft der Zeitschrift »Deutsche Blätter« (Eger, H. N. Brauß) die folgende Notiz in einem Aufsatz von M. Sölch über D. v. Liliencron: »Außer dieser Gedichtsammlung, der in Kürze eine zweite folgen wird - -«
Ist dem so? Ich hoffe, Sie werden es meiner freudigen Ungeduld zu Gute halten, wenn ich mich nun - es ist schon März und ich habe nichts wieder über das Erscheinen des Buches gehört, dessen Krone sicherlich das einzigartige wundervolle Gedicht »Einsamkeit« bildet - wenn ich mich nun an Sie selbst mit der Frage zu wenden wage, ob jene Notiz die Wahrheit sagte! Es wäre mir auch deshalb lieb zu wissen, wie ich meinen Landsleuten einmal eine kleine Bußpredigt halten möchte über ihre Harthörigkeit in Bezug auf Ihre Dichterthätigkeit - wer hat freilich über die in (verzeihen Sie: es sollen zwei Weizensäcke sein!) nicht Klagen müssen! - und ich gerne wenn das Erscheinen des Buches nicht in gar zu weiter Ferne stände, dasselbe mit zu den Kreis meiner Betrachtungen ziehen möchte -
Nichts für ungut: bün Kind von sülben Bloot!
In innigster Verehrung
ergebenst
Kiel, 1. März 89 Johannes Kruse
Hafenstr.20


 

 

Liliencron: eigentlich Friedrich Adolf Axel Frhr. v. Liliencron (*Kiel 3.6.1844 +Alt-Rahlstedt 22.7.1909); Liliencron wirkte zunächst als preußischer Offizier und Verwaltungsbeamter, zuletzt bis 1887 als Kirchspielvogt in Kellinghusen um sich dann ganz der Literatur zuzuwenden. Er galt von nun an als einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Impressionismus. - Original: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Nachlaß Liliencron, Sign. 157b.

Als Liliencron am 31.3.1889 den ihm bisher unbekannten Kruse in der Redaktion aufsucht, erstaunt der den Besucher mit seiner Belesenheit - Liliencron meint in ihm gar den »feinsten Literarhistoriker« zu erblicken - auch gibt Kruse sich als versierter Lyriker zu erkennen und wird von Liliencron in der Folgezeitdazu animiert, offensiver mit seinem Talent umzugehen. Auch erkennt er in ihm ein lyrisches Naturtalent. Er betraut ihn in der Folgezeit mit Korrekturen und der Redaktion an seinen Gedichtbänden 'Der Haidegänger' und 'Der Mäcen'. Auch verpasst er ihm den Dichternamen »Iven« und als wenig später dessen erste niederdeutsche Ballade 'De Schattentog' veröffentlicht wird, feiert Liliencron Kruse gar öffentlich als Wiederbeleber der niederdeutschen Ballade in der Nachfolge Klaus Groths.

An Gustav Frenssen - 12.12.1907

Hamburg – St. Georg, Große Alle 9,

den 12. Dezbr 02

Sehr geehrter Herr,

ich kann mir lebhaft vorstellen, wie überdrüssig Sie der Besuche sein mögen, die Ihnen so manche Jounalisten gemacht haben. Der Schreiber dieser Zeilen ist nun auch Journalist – zur Hälfte; und daneben Dichter zur Hälfte – ganz Gottlob bezw. leider weder das Eine noch das Andere, weshalb er denn auch meistens melancholisch ist »wie ein Moorhase« – und er möchte Sie nun auch bitten, ihm zu gestatten, Sie aufsuchen zu dürfen, muß es leider! Der Muth zu dieser Bitte ist wahrlich nur klein, aber mein Chef – der Besitzer der »Hamburger Nachrichten«, in deren Redaktion ich am 1. November eingetreten bin, – hat mich dringend aufgefordert, den Versuch zu wagen, weil er für die Weihnachtsnummer etwas Besonderes wünsche und sich nichts Besseres denken könne, als ein »Interview G. Frenssens«. Nun ists heraus! Meine dringlichen Vorhaltungen, daß Ihnen gerade in dieser Zeit, noch vor dem Fest, ein solch’ wildfremder Mensch höchst unwillkommen sein werde und daß nicht ich der Erste sein werde, dem Sie eine Ablehnung hätten zu Theil werden lassen, fruchteten nichts und so muß ich denn nun diese Epistel schreiben.

Ich habe Gustav Frenssen durch die »Drei Getreuen« Anfang 1901 kennen gelernt, und ich brauche wohl nicht zu sagen, mit welcher Inbrunst ich dies Buch und nachdem »Jörn Uhl« gelesen habe. Damals war ich Ihnen sehr nahe; ich lebte in Cuxhaven als Leiter des dortigen »Tageblattes« und an der Flamme des Neuwerker Leuchtthurmes, die in das Buch »Die drei Getreuen« hinein scheint, mögen unsere Blicke vielleicht einmal gleichzeitig gehangen haben. Vielleicht auch an dem Mond, den Sie im selben Buche einmal so hell auf die Bornhöveder Gegend herniederscheinen lassen. In einem nach Bornhöved eingepfarrten Dörflein – »Ruhwinkel« lautet sein Name idyllisch genug, verdorben aber aus »Reigenwinkel – stand meine Wiege im Hause eines kernwackeren Schmiedemeisters, der als Neunzehnjähriger dereinst mit gegen die Dänen ausgezogen war. Ich selbst sollte meiner Kurzsichtigkeit wegen Lehrer werden, aber da bei der ziemlich großen Geschwisterzahl den Eltern die Aufbringung der Kosten für den Seminarbesuch schwer wurde, entschloß ich mich, selbst meinen Lebensunterhalt zu verdienen und wurde Hilfsarbeiter Wilh. Biernatzkis; als er seine »Schlesw.-Holst. Jahrbücher« herausgab; als sie eingingen, fand ich eine Stelle als Corrector und Hilfsarbeiter bei der »Kieler Zeitung«. Daneben »dichtete« ich gewaltig; Einiges von dem was Ihnen so meisterhaft gelungen ist, schwebte mir unklar vor, aber ich konnt’ es nicht meistern. Nach 5 Jahren unerquicklichen und zerstreuten Daseins – in meinem eigentlichen Streben verstand mich und half mir kein Mensch und so ist es bis heute geblieben – ging ich mit meinen geringen Ersparnissen nach München, ausgerechnet nach München! »Ich wollte etwas von der Welt sehen«, heißt es ja wohl. Mit weiser Sparsamkeit und einigem Darben hielt ich mich dort ein halbes Jahr über Wasser; dann packte mich ein fürchterliches Heimweh nach dem Plattland und als ich einmal ein ziemlich ansehnliches Honorar erhielt – es war für die kleine Erzählung »Der Heiltrank«, die Sie in dem unter Kreuzband mitfolgenden Büchlein finden – dampfte ich schleunigst nach Norden zurück.

Nach längerem Suchen fand ich denn eine Anstellung in Cuxhaven, wo ich zehn Jahre lang blieb, bis man mich jetzt nach Hamburg berufen hat.

Mir würde es eine große Freude sein, wenn Sie den so beschaffenen Schreiber dieses Briefes für einige Stunden – vielleicht an einem Tage der nächsten Woche – empfangen wollten. Ich kenne Dithmarschen bisher nur flüchtig: ich würde dieser lärmenden Rußstadt für einige Tage entfliehen (ich hab in Marne Verwandte, die ich auch aufsuchen könnte) – und ich würde vielleicht etwas meinen Lebensmuth heimholen können. Aber ungelegen möcht’ ich nicht kommen.

Zu mehrerer Aufklärung über mich und meine Gesinnung mögen die angeschlossenen Sachen dienen – mein erstes Buch, dessen Stücke aber schon von 1885 bis 1892 verfaßt sind und die mir jetzt zum Theil zu viele moderne Stücken haben, ein Heft mit zwei Gedichten von mir und ein handschriftliches Gedicht das aus dem Jahre 1899 stammt und einem während des Weihnachtsurlaubs daheim unternommenen Ausfluge seine Entstehung verdankt. Nun hoff’ ich auf Antwort.

In vorzüglicher Ergebenheit

Johannes Kruse.


Frenssen: (*Barlt 19.10.1863 +Barlt 11.4.1945); Pastor und Schriftsteller. 1903 legte Frenssen sein Amt als Pastor aus Gewissensgründen nieder und widmete sich fortan ganz der Schriftstellerei. Zu seinen Werken zählen u.a: 'Jörn Uhl' (1901) und 'Hilligenlei' (1905).

Biernatzki: Jan Jelles Friedrich Wilhelm B. (*20.4.1855 +29.2.1940) Landwirt, Journalist, Verbandsfunktionär. Er arbeitete als Redakteur bevor er zwischen 1884 u. 1885 die weit über den landwirtschaftlichen Rahmen hinausreichenden 'Schleswig-Holsteinischen Jahrbücher. Zeitschrift für wirtschaftliche Kultur, die sozialen Bestrebungen und das öffentliche Leben der Gegenwart' herausgab. // 'Heiltrank': Die Erzählung nahm Kruse in den Sammelband 'Schwarzbrotesser' (Berlin/Leipzig 1900) auf. - Original: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Nachlaß Frenssen.

An Alfred Janssen - 17.8.1904

Hamburg, Durchschnitt 93 II
den 17. August 04
Sehr geehrter Herr Janssen,
vor langer Zeit legte ich Ihnen eine Sammlung Skizzen vor, auf die Sie keinen Appetit hatten, die ich s.Z. aber doch in Ihren Händen liess, in der geheimen Hoffnung, dass Sie sich ihrer doch vielleicht noch annehmen würden. So optimistisch ist selbst ein Mensch, der mit G. H. Meyer jetzt einen tiefen Blick in die Verlegerseelen getan hat. Was übrigens nicht heissen soll, dass ich auch Ihnen eine schwarze Seele zutraue. Im Briefschreiben offenbare ich immer eine bemerkenswerte Ungeschicklichkeit. Jetzt molestiert mich aber ein anderer Verlag mit Bitten, ihm etwas von mir zu geben und da ich soweit nichts habe, so möchte ich Sie freundlichst bitten, mir die Sachen wieder zustellen zu wollen. - Mein Roman, so gut und originell es werden könnte, wird wohl im Keim vertrocknen, denn ik kreeg gorkeen Tid un keen Stimmung, an em to denken, veel weniger um to schrieben.
In vorzüglicher Ergebenheit
Johannes Kruse
(Iven Kruse)
NB. Auf Gedichte haben Sie wohl erst recht keinen Appetit? Ich habe zwei oder drei geschrieben, die wundervoll sind, die übrigen sind passabel. Sonst mögen auch die weiter schimmeln.

Janssen: (*1865 +1935); Verlagsbuchhändler in Hamburg. Kruse hatte dem Verleger 1903 eine Reihe von Skizzen und Dichtungen in Prosa zugesandt. Janssen sollte prüfen, ob sie für eine Buchveröffentlichung geeignet seien und wenn, unter welchen Bedingungen. // Im Verlag Georg Heinrich Meyer erschien 1900 der Band 'Schwarzbrotesser [sic], holsteinische Geschichten und Gestalten'. Als der Verlag in Konkurs ging, übernahm ein Zweitverwerter auch die Restbestände von Kruses Buch. Das fällige Honorar, daß Meyer schuldig geblieben war, leitstete auch er nicht. Zudem kaufte Kruse die Restbestände zurück, um seine Bücher vor dem Verschimmeln zu retten. - Original: Staats- und Universitätsbibliothek.